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45 Min: Die Plastikbedrohung

Die Plastikbedrohung, NDR, 45 Min, 12.5.2014

http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/45_min/Dokumentation,sendung63600.html

Wale, die mit vollem Magen verhungern, weil sie unverdauliche Plastikplanen gefressen haben, Seevögel, die sich in den Steilwänden Helgolands an Netzresten strangulieren, Robben mit zentimetertiefen Wunden durch Plastikabfälle, die ihnen immer tiefer ins Fleisch schneiden. Der einst so gepriesene Werkstoff ist zum Fluch des Planeten geworden. In den Ozeanen haben sich riesige Müllstrudel gebildet, in denen schwimmende Abfälle zirkulieren. Plastikmüll bedeckt inzwischen weite Teile der Meeresböden und dringt sogar in die arktische Tiefsee vor.

Plastik ist langlebig, wird aber im Laufe der Zeit porös und zerfällt in immer kleinere Fragmente. Hinzu kommt Mikroplastik aus Kosmetikprodukten und Reinigungsmitteln, das mit dem Abwasser in Flüsse und Meere gelangt. Die für das Auge unsichtbaren, winzigen Plastikteile schwimmen längst in nahezu allen Gewässern und sie akkumulieren Giftstoffe.

Forscher des Alfred-Wegener-Instituts haben eine Inventur der Deutschen Bucht begonnen, die klären soll, wie hoch die Plastikbelastung bei uns ist. Sie haben keine guten Nachrichten: In der Nordsee bilden sich bereits erste Plastikteppiche aus mikroskopisch kleinen Teilchen. Und die finden ihren Weg in Fische und Krabben. Das Mikroplastik gelangt in die Nahrungskette und gefährdet damit auch uns Menschen.

 

 

Müll im Meer

Eigentlich ist das Verklappen von Plastikmüll ins Meer nach dem Internationalen Umweltübereinkommen „Marpol“ verboten. Die „Marpol-Anlage V“ regelt die Müllentsorgung an Bord und wurde zum 1. Januar 2013 nochmals verschärft. Doch selbst wenn die Wasserschutzpolizei den Seeleuten Verstöße nachweisen kann, passiert nichts. Denn die „Marpol-Zuwiderhandlungsverordnung“ wurde von der Bundesregierung noch nicht redaktionell angepasst – sprich: nicht umgesetzt. Die Beamten haben also keine Grundlage, um Bußgelder gegen die Umweltsünder zu verhängen. Die Umsetzung der Verordnung ist eigentlich nur eine Formalie. Zuständig dafür ist das Bundesministerium für Verkehr unter Peter Ramsauer (CSU). Doch bisher ist nichts geschehen. Das Ministerium teilt auf Anfrage lediglich mit, dass das „Rechtsetzungsvorhaben“ bis Juni 2014 abgeschlossen sein soll.

Panorama 3, 17.9.2013

Elbvertiefung

Der Hamburger Hafen ist Drehscheibe des Güterverkehrs und wichtigster Arbeitgeber der Region. Jährlich 10.000 Schiffe verbinden ihn mit 900 Häfen in über 170 Ländern. Doch er liegt nicht am Meer, sondern etwa 100 Kilometer landeinwärts. Damit immer größere Frachtschiffe Hamburg anlaufen konnten, wurde die Fahrrinne der Elbe seit 1818 acht Mal vertieft: Von einst 3,5 Metern Tiefe auf heute 14,9 Meter.

Für die neuesten Containerriesen reicht auch das nicht mehr aus. Voll beladen können sie den Hamburger Hafen nicht mal mehr bei Hochwasser erreichen. Damit er wettbewerbsfähig bleibt, soll die Fahrrinne noch einmal ausgebaggert werden – um etwa ein bis zwei Meter. Doch Umweltschützer warnen, dies könne dem Lebensraum Unterelbe den Todesstoß versetzen.

Beitrag aus der Sendung „W wie Wissen“ vom 26.5.2013

Dabei sind Baggerarbeiten auf der Unterelbe Alltag. Um die Solltiefe zu erhalten, wird auf der Strecke zwischen Hamburg und Cuxhaven laufend gebaggert. Denn Sedimentablagerungen sorgen immer wieder für Verflachungen der Rinne und die stellen eine Gefahr für die Schifffahrt dar. Circa 15 Mio. Kubikmeter Sediment lagern sogenannte Hopperbagger jährlich um.

Die Saugbagger befördern das Sediment dafür zunächst an die Oberfläche: „Ein Schleppkopf wird auf Grund abgelassen und dann wird Wasser mit hohem Druck in den Boden eingespritzt, damit der sich locker löst“, erläutert Jörg Osterwald von der zuständigen Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV). „Danach saugt eine große Pumpe das Sand-Wasser-Gemisch in den Schiffsladeraum.“

Jörg Osterwald auf einem Saugbagger vor Cuxhaven. Er ist bei der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes für die Fahrrinnenanpassung zuständig

Jörg Osterwald auf einem Saugbagger vor Cuxhaven. Er ist bei der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes für die Fahrrinnenanpassung zuständig

Mittelgroße Hopperbagger bieten Platz für etwa 10.000 Kubikmeter. Ist der Laderaum voll, verlässt das Schiff die Fahrrinne und steuert eine Stelle in der Elbmündung an, wo das Baggergut verklappt werden kann. Das geschieht durch die Öffnung der Bodenluken des Schiffes. Teilweise kommen die Sedimente auch bei Aufspülungen und Baumaßnahmen zum Einsatz. Viele Inseln in der Unterelbe bestehen aus Baggergut vom Elbgrund. 

Doch mit der ständigen Unterhaltungsbaggerung ist es nicht länger getan. Weil immer größere Containerfrachter unterwegs sind, müsse noch einmal vertieft werden, Osterwald spricht lieber von einer „Fahrrinnenanpassung“. Umweltverbände wollen diese um jeden Preis verhindern: „Wir halten die jetzt geplante Elbvertiefung für ökologisch nicht mehr vertretbar“, sagt Manfred Braasch, Geschäftsführer des Hamburger Landesverbandes des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Manfred Braasch vom BUND-Landesverband Hamburg befürchtet, dass eine Elbvertiefung dramatische Folgen für das Ökosystem Unterelbe hätte.

Manfred Braasch vom BUND-Landesverband Hamburg befürchtet, dass eine Elbvertiefung dramatische Folgen für das Ökosystem Unterelbe hätte.

Braasch war maßgeblich daran beteiligt, dass die Elbvertiefung vom Bundesverwaltungsgericht vorläufig gestoppt wurde – zum Entsetzen der Hafenwirtschaft. Der Fluss sei in den letzten Jahrzehnten bereits mehrfach vertieft worden. „Wir bewegen uns möglicherweise jetzt auf einen Kipppunkt hin, wo das ganze System rutschen kann. Das hat insbesondere mit den veränderten Strömungsverhältnissen und der Tide-Energie zu tun, die durch so eine Vertiefung des Flusses noch zusätzlich verstärkt wird.“

Die Unterelbe wird auch als Tideelbe bezeichnet, denn sie steht unter dem Einfluss der Gezeiten, die bis in den Hamburger Hafen wirken. Der Tidehub bezeichnet die Differenz zwischen Niedrig- und Hochwasser. Er hat sich in den letzten 150 Jahren verdoppelt: von 1,75 Meter auf 3,50 Meter. Dafür verantwortlich sind nicht nur die Vertiefungen der Fahrrinne, sondern auch der Verlust von Überschwemmungsflächen etwa durch Vordeichungen, die Verfüllung von Hafenbecken, Absperrungen von Nebenflüssen etc. Vor allem die Deichbaumaßnahmen der 1960er-Jahre haben sich stark ausgewirkt, sagt Osterwald.

Die nächste Vertiefung werde dagegen kaum Einfluss auf den Tidenhub haben, da Bodenschwellen im Seitenbereich der Fahrrinne die Strömung zügeln werden. Solche „Strombaumaßnahmen“ hätten sich bereits bei der letzten Vertiefung bewährt. „Wir erwarten bei der weiteren Fahrrinnenanpassung unter ungünstigsten Bedingungen zwei Zentimeter höheres Hochwasser und drei Zentimeter niedrigeres Niedrigwasser“, sagt Osterwald, „also insgesamt maximal fünf Zentimeter Veränderung im Tidenhub.“

Die Umweltverbände überzeugt das nicht. Bereits kleinste Veränderungen könnten dramatische Auswirkungen haben. So führe die geplante Elbvertiefung zu mehr Salzwasser in der Unterelbe, vernichte wertvolle Flachwasserzonen und verschlechtere die Sauerstoffversorgung des Flusses. Mit den gleichen Befürchtungen waren die Verbände bereits gegen die letzte Vertiefung angetreten, die im Dezember 1999 begann. Das Wasser- und Schifffahrtsamt hat damals ein Beweissicherungsprogramm gestartet, um die eigenen Prognosen später überprüfen zu können.

Mitarbeiter der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung heben eine Messboje aus der Elbe

Mitarbeiter der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung heben eine Messboje aus der Elbe

Die Daten der Messbojen erlauben fundierte Aussagen über die Auswirkungen der letzten Vertiefung. So habe sich die Strömungsgeschwindigkeit, anders als von Umweltverbänden befürchtet, kaum verändert. „Wir lagen mit unseren Prognosen auf der sicheren Seite“, sagt Osterwald. Die Veränderungen seien weit geringer gewesen, als in der Umweltverträglichkeitsprüfung prognostiziert. Weit größere Auswirkungen werde der Klimawandel und der damit verbundene Meeresspiegelanstieg haben.

Manfred Braasch befürchtet jedoch auch „eine Verschlechterung der Sauerstoffverhältnisse“ durch eine weitere Vertiefung der Fahrrinne. Die Sauerstoffwerte in der Elbe seien seit der letzten Vertiefung 1999 „eher kritischer“ geworden. Auf Nachfrage liefert er folgende Grafik, welche die Anzahl der kritischen Tage an der Station Seemannshöft zeigt:

Die Grafik des BUND zur Sauerstoffversorgung

Die Grafik des BUND zur Sauerstoffversorgung

Ein eindeutiger Trend sieht anders aus, vor allem, wenn man den Betrachtungszeitraum ausweitet. Die Grafik von Jörg Osterwald reicht sechs Jahre weiter in die Vergangenheit:

Die Grafik der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung

Die Grafik der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung

Periodisch auftretende Tage mit Sauerstoffmangel sind nicht neu. Verantwortlich dafür sind vor allem die Gewässertemperaturen und die Biomassezufuhr aus dem Oberlauf, etwa in Form von Algen. Sterben diese ab, werden sie von Bakterien unter Sauerstoffverbrauch zersetzt. „Es gibt eine Reihe von Gründen, die auf die Sauerstoffwerte in der Elbe Einfluss haben“, räumt  Braasch ein, „aber auch die Flussvertiefung“. Diese schaffe mehr tiefe Bereiche, in denen es zu Abbauprozessen komme.

„Wir vergrößern mit der Vertiefung den Wasserkörper etwas, dieses aber in einem so kleinen Bereich, dass es nicht messbar und beobachtbar in der Natur ist“, widerspricht Jörg Osterwald. Entscheidend seien andere Faktoren. Tatsächlich gab es vor der deutschen Wiedervereinigung weit mehr Tage mit Sauerstofflöchern als heute. Damals war die Elbe voller Giftstoffe, so dass kaum Algen wuchsen. Inzwischen gelangen kaum noch Gifte in den Fluss. Die Nährstoffe, wie etwa Stickstoff und Phosphor aus der Landwirtschaft, sind aber noch da. Folge: Es kommen mehr Algen aus der Mittel- in die Unterelbe, wo sie in den Tiefen des Hamburger Hafens absterben und anschließend unter Sauerstoffverbrauch zersetzt werden.

Die letzte Elbvertiefung zeigte nicht die dramatischen Auswirkungen, die Umweltverbände befürchtet hatten. Nach wie vor gibt es hier einzigartige Lebensräume mit Süßwasserwatten und Auwäldern. Fast die gesamte Tideelbe steht unter Naturschutz. Hier brüten nicht nur Kormorane und Adler, auch Robben und neuerdings sogar Schweinswale werden gesichtet.

Salzwasser in Hamburg?

Hier leben aber auch salzempfindliche Arten, und für die könne die Vertiefung des Flusses von Nachteil sein, so der BUND. Die Brackwasserzone mit salzhaltigem Wasser aus der Nordsee werde sich Richtung Hamburg verschieben. „Damit verkleinert sich zum Beispiel für bestimmte Fischarten der Lebensraum zwischen Hamburger Hafen und dem Beginn dieser Brackwasserzone“, sagt Braasch.

Der Gutachter Dirk Wolters von der IBL Umweltplanung GmbH in Oldenburg hat im Auftrag der Behörden die Umweltverträglichkeit der geplanten Vertiefung untersucht. Er hält das Argument der Versalzung nicht für stichhaltig: Die sogenannte Verschiebung der Brackwasserzone finde in einem Bereich statt, der von beständigen, enormen Salzgehaltsschwankungen geprägt ist: „Die natürlichen Schwankungen sind viel größer als das, was man überhaupt einem Ausbau zumessen kann“, sagt Wolters.

Dennoch sei die Elbvertiefung ein Eingriff in die Natur. Und dieser müsse laut Gesetz voll ausgeglichen werden. Geplant sind insgesamt 15 Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen, die der Natur zugute kommen werden, unter anderem an und auf der Elbinsel Schwarztonnensand. Diese entstand übrigens aus dem Baggergut einer früheren Vertiefung und soll nun „naturschutzfachlich“ aufgewertet werden.

Auslgeichsmaßnahmen

„In der Inselmitte sollen Vertiefungen geschaffen werden, die bei sommerlichen Hochwässern geflutet werden“, erläutert Wolters. „Auf ungefähr einem Hektar Fläche soll der für diesen Lebensraum typische Tideweidenauwald entwickelt werden“. Zudem soll die Schwarztonnensander Nebenelbe ausgebaggert werden, so dass dort wieder mehr Flachwasserzonen entstehen. „Wir haben aus der vorangegangenen Fahrrinnenvertiefung eine Bilanz von über zehn Jahren Erfahrung“, sagt Osterwald, „und wir wissen, dass wir viel mehr für die Natur tun, als wir tatsächlich an Auswirkungen später haben werden.“

So hätte die Elbvertiefung keineswegs nur Nachteile für die Natur. Zumal die Ökobilanz des Schiffsverkehrs vergleichsweise positiv ist. Die Umwelt profitiert durch niedrigere Emissionen, wenn Gütermengen in großen Containerschiffen gebündelt werden. Besonders wenn diese bis weit ins Hinterland fahren können wie etwa zum Hamburger Hafen. Verglichen damit wären LKW-Transporte aus dem konkurrierenden Hafen Rotterdam nicht gerade ein Segen für die Umwelt.

G. Purtul

Automatische Wohnungslüftung

Automatische Lüftungsanlagen sollen sicherstellen, dass wärmegedämmte Gebäude in ihrem Inneren nicht verschimmeln. Doch die Technik ist teuer und muss gewartet werden. Am Ende ist es vielleicht doch besser, regelmäßig die Fenster zu öffnen

Schimmelt es in gedämmten Gebäuden, gibt es dafür zwei Erklärungen: Die Handwerker haben geschlampt, als sie eine Schutzschicht außen an die Fassade klebten. Oder die Bewohner haben nicht genug gelüftet. Hauseigentümer bevorzugen meist die zweite Auslegung, wenn sich Mieter über Stockflecken und Schimmelbildung beschweren.

Da ist es zunächst erstaunlich, dass eine Industrielobby verbreitet, das Öffnen der Fenster zur Lüftung der Wohnung habe ausgedient. Doch der Bundesverband für Wohnungslüftung (VFW) propagiert offensiv den Einbau automatisierter Belüftungsanlagen, die möglichst viel Wärme aus der Raumluft zurückgewinnen, bevor diese ausgetauscht wird. VFW-Geschäftsführer Raimund Käser sagt, so ließen sich Heizenergieverluste um zwei Drittel senken. „Im Bereich der Effizienzhäuser mit einer KfW-Förderung nach Stufe 55 und besser und im Passivhaus ist der Einsatz von Zu- und Abluftanlagen mit Wärmerückgewinnung eigentlich unabdingbar.“

Auch die Industrienorm DIN 1946-6 fordert seit 2009 die Erstellung eines Lüftungskonzepts sowie die Sicherstellung der „nutzerunabhängigen“ Raumbelüftung für Neubauten und umfassend renovierte Altgebäude. Und so kommt es, dass Handwerkerbetriebe in ganz Deutschland Bauherren solche Anlagen aufschwatzen, oft ohne die Käufer über die Risiken, Folgekosten und technischen Grenzen der neuen Lüftung aufzuklären. Zudem ist die Energieersparnis umstritten, denn die Anlagen verbrauchen selbst viel Strom. Das vom Bundeskabinett beschlossene Förderprogramm für energetische Sanierung liefert den Firmen weitere Argumente.

Oft bekommen Haus oder Wohnungskäufer eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung (WRG), ob sie wollen oder nicht: Kai Petersen aus Hamburg zum Beispiel hat vor einem Jahr ein Niedrigenergie-Reihenhaus gekauft, und die Wohnungslüftung war bereits vom Bauträger eingeplant worden. Der Familienvater hofft, dass das System mehr Energie spart, als die Lüftung verbraucht, ist aber skeptisch: „Das ist eine Anlage, die rund um die Uhr läuft, auch im Sommer.“ Bei durchschnittlich halber Leistung würde sie im Jahr 626 Kilowattstunden Strom verbrauchen. Das wären bei einem Preis von 25 Cent pro Energieeinheit knapp 160 Euro im Jahr.

Heizenergie sparen kann sie freilich nur in der Heizperiode, und darüber gibt es noch keine ausreichenden Daten. Modellrechnungen mit großzügigen Annahmen beziffern die Einsparungen an der Heizung etwa auf das Doppelte der Stromkosten. Darum ist VFW-Geschäftsführer Käser sicher, dass eine WRG-Anlage weit mehr Energie spart, „als sie an Ventilatorstrom verbraucht“. Jedenfalls „wenn Planung, Ausführung und Betrieb sorgfältig vorgenommen werden“. Das sind ziemlich viele Wenns, zumal Fachleute hegen grundsätzliche Zweifel am Sinn der Wärmerückgewinnung in Wohnungen.

Während sie bei Großprojekten, wie etwa Bürohäusern, fast immer sinnvoll sind, sei dies bei Wohnungslüftungen meist nicht der Fall, sagt etwa der Lüftungsberater Eckhard Steinicke aus Berlin, der seit mehr als 40 Jahren in der Branche tätig ist. Er hat verschiedene Wohnungslüftungssysteme in Bezug auf Kosten und Energieverbrauch verglichen und kommt zum Ergebnis, dass Wärmerückgewinnung oft „ökonomisch sinnlos und ökologisch schädlich“ ist. Im Wohnbereich sei die Wirtschaftlichkeit solcher Systeme fraglich, zumal sie meist überdimensioniert seien. Zudem ist die Technik darauf ausgelegt, dass die Fenster fest geschlossen bleiben.

Gegen die Anlagen sprächen auch ihre Folgekosten, sagt Steinicke, nicht nur für den Betriebsstrom, sondern auch für die Filter, die mindestens einmal im Jahr gewechselt werden müssten. Die Kosten für den Filterwechsel schätzt der VFW auf „circa 20 bis 30 Euro jährlich“. Da kann Kai Petersen nur staunen: „Das günstigste Angebot, das wir für die Filter bekommen haben, betrug 100 Euro.“ Der Hausbesitzer soll die Filter nun monatlich absaugen und jährlich wechseln. „Die Filter verschmutzen recht schnell und dann steigt der Strombedarf“, sagt Steinicke.

Alle fünf Jahre ist zudem eine professionelle Wartung fällig. Welche Folgen es haben kann, wenn die Reinigung der Anlagen ausbleibt, weiß Stefan Burhenne aus langjähriger Erfahrung. Der Vorstand des Deutschen Fachverbands für Luft- und Wasserhygiene ist auch Inhaber der Firma Hydroclean, die vor allem Lüftungsanlagen in Gewerbeobjekten reinigt. Gelegentlich erforscht seine Kanalkamera auch Wohnungslüftungen. In den Kanälen fänden sich immer wieder sogar tote Tiere, berichtet er. In jedem Fall „bildet Schmutz einen Nährboden für Mikroorganismen, vor allem wenn Feuchtigkeit hinzukommt“.

verschmutzte Tellerventile aus Lüftungsanlagen

verschmutzte Tellerventile aus Lüftungsanlagen

VFW-Geschäftsführer Käser hingegen seien Hygieneprobleme „bei Wohnungslüftungsanlagen mit korrekter Wartung nicht bekannt“. Für ein persönliches Interview zu diesen Fragen stand Käser nicht zur Verfügung, sondern beantwortete übermittelte Fragen schriftlich. So schrieb er, es sei „eine Befeuchtung der Luft innerhalb des Lüftungssystems aus hygienischen Gründen zu vermeiden“. Diesen Hinweis hält der Experte Burhenne für realitätsfremd: Feuchtigkeit lasse sich kaum verhindern, „vor allem in Bädern und der Küche“.

Die Reinigung einer Anlage ist mit hohem Aufwand verbunden, weil in den Rohren ein Unterdruck aufgebaut werden muss, um den Schmutz kontrolliert abzusaugen. Mit mindestens 500 Euro müssten Hausbesitzer rechnen, so Burhenne. Manchmal werde es noch viel teurer, wenn Verstopfungen gelöst werden müssen. Da könne es sogar vorkommen, dass eine Wand aufgestemmt werden müsse. „Wir stellen leider fest, dass viele Anlagen nicht fachgerecht verbaut werden“, sagt Burhenne.

Diese Erfahrung haben auch die Petersens gemacht: In ihrem Reihenhaus ist die Lüftungsanlage im Badezimmer über der abgehängten Decke untergebracht. Zwei Wochen nach dem Einzug gab es die ersten Probleme: „Als wir morgens ins Badezimmer kamen, tröpfelte es aus der Decke. Die Lüftungsanlage ist übergelaufen“, erinnert sich Petersen. Es hatte sich Kondenswasser gebildet, das wegen eines fehlenden Gefälles nicht abgeführt wurde.

Für den Lüftungssachverständigen Anton Tienes aus Berlin ist dies ein typisches Problem: „Wenn sich bei hoher Luftfeuchte Kondenswasser bildet, muss die Kondensatwanne einen Abfluss haben, der mit Gefälle an eine Schmutzwasserleitung angebunden ist.“ Bei den Petersens und einigen Nachbarn hat der Fachbetrieb dies versäumt. Er musste nachträglich Pumpen installieren. Damit sind aber nicht alle Probleme gelöst: Im Sommer gebe es Zeiten, in denen kein Kondensat anfällt, sagt Tienes. „Fehlt dann Wasser im Geruchsverschluss, kann es zu unangenehmen Gerüchen kommen, die sich in der Wohnung verteilen. Kaum einer findet heraus, warum es riecht, wenn man das nicht weiß.“

Auf die Frage, wie oft es zu solchen oder ähnlichen Problemen mit Lüftungsanlagen kommt, antwortet der VFW, diese seien „bei sachgemäßer Planung und Wartung auszuschließen“. Doch genau daran hapert es offenbar. Laut Tienes führen unsachgemäße Planung und Einbau der Anlagen zu technischen Problemen. Einen Grund dafür sieht der Experte in der DIN 1946-6. Das dort geforderte „Lüftungskonzept“ mache kaum ein Planer richtig, da die Vorgaben der Norm umständlich und schwer verständlich seien.

In diese Lücke stößt der Bundesverband für Wohnungslüftung und bietet Planern eine kostenfreie Software für das Lüftungskonzept an. „Wenn man auf die Software zurückgreift, weiß man gar nicht mehr, was genau man macht“, klagt Tienes. „Für die ausführende Firma bedeutet es, dass sie unter Umständen eine Planung bekommt, die nicht ohne Weiteres umsetzbar ist.“

Werden die Anlagen in Deutschland erst seit wenigen Jahren in großer Zahl eingebaut, sind in Holland bereits weit mehr Wohnungen mit der Lüftungstechnik ausgestattet. Die Erfahrungen im Nachbarland sind wenig ermutigend. Nach Beschwerden von Mietern über gesundheitliche Probleme ließ das dortige Umweltministerium vom Rotterdamer Ingenieurbüro BBA Binnenmilieu eine Feldstudie erstellen. „Wir haben 300 Häuser mit unterschiedlichen Systemen der kontrollierten Wohnungslüftung untersucht“, sagt Atze Boerstra von BBA. „Und fast alle hatten einen oder mehrere ernsthafte Mängel.“

Viele Anlagen waren zu laut, lieferten nicht genug Frischluft oder waren stark verschmutzt. Oft wurden die komplizierten Systeme mangelhaft installiert, sagt Boerstra. Der Innenraumluftspezialist hat die Ergebnisse bereits in Belgien, Frankreich, England und Dänemark vorgestellt; eine Einladung aus Deutschland hat er nicht erhalten. „Ich gewinne den Eindruck, dass es überall diese Probleme gibt und sie nicht auf Holland beschränkt sind.“ Inzwischen habe dort Umdenken eingesetzt: Heute bekämen nicht mehr 70 Prozent, sondern 30 Prozent der Neubauten Lüftungsanlagen.

Hierzulande werden die Systeme mit günstigen Krediten und Einbauprämien gefördert. Doch manche Architekten weigern sich, die komplizierte Technik in Wohnhäusern einzubauen. Es ist eben ein Unterschied, ob die Anlage in einem großen Bürohaus mit professionellem Gebäudemanagement arbeitet oder in einem Reihenhaus, dessen Bewohner sich selbst um die Wartung kümmern müssen.

Um den Haftungsrisiken durch eine mangelnde Lüftung zu entgehen, setzen viele Bauträger darum auf Schlitze in den Fensterdichtungen und Fensterfalzlüfter. Doch sie haben auch Nachteile: So verursachen sie manchmal Flecken über den Fenstern, da die Luft permanent durch schmale Kanäle mit hohem Tempo einströmt. Gleichzeitig reduzieren sie die Schalldämmung der Fenster. Es könnte sich also lohnen, neu über eine alte Methode nachzudenken: das Stoßlüften. Zwar erfordert es bei dichten Gebäudehüllen mehr Wachsamkeit. Doch ein Feuchtemessgerät hilft. Überschreitet die Luftfeuchtigkeit im Raum einen kritischen Wert (etwa 60 Prozent), reißen die Bewohner die Fenster weit auf. Der Wartungsbedarf der Methode ist überschaubar.

Dieser Text erschien am 22.12.2012 in der Süddeutschen Zeitung

Das Energieinstitut Vorarlberg meint dazu: „Ein äußerst schlecht recherchierter und voreingenommener Beitrag, der die Realität verzerrt und in weiten Teilen falsch wiedergibt.“

Überzeugen Sie sich selbst von den Argumenten der Lobbyisten:

http://www.energieinstitut.at/?sID=4104

 

45 Min: Wahnsinn Wärmedämmung

Ende 2011 lief unsere 45-Min-Dokumentation „Wahnsinn Wärmedämmung“ im NDR-Fernsehen. Es ging nicht um Vorteile, sondern um Probleme der Wärmedämmung. Eine Reise durch bizarre Vorschriften, die offenbar dazu da sind, dass möglichst viele Häuser in Deutschland mit Plastik beklebt werden. Wir haben die Folgen in Form von Spechtlöchern, Bauschäden, Schimmel und Brandkatastrophen gezeigt. 2011 wurde die Doku in der Kategorie “Beste Rechercheleistung” für den NDR-Fernsehpreis “Seh-Stern” nominiert.

Wir haben uns gefragt, warum dieses Material als „schwerentflammbar“ gilt, obwohl immer wieder Fassaden abfackeln, die damit “saniert” worden waren. Mit dieser Frage haben wir uns in der Fortsetzung der Doku befasst.

„Wärmedämmung – der Wahnsinn geht weiter“ (NDR, 45 Min, 26.11.2012)

„Wärmedämmung – der Wahnsinn geht weiter“

Im zweiten Teil ging es schwerpunktmäßig auch um die ökologischen Folgen der Wärmedämmung, wie den breiten Eintrag gefährlicher Gifte in die Umwelt und die als logische Ergänzung des Thermoskannen-Hauses propagierte “kontrollierte Wohnungslüftung”. Diese Doku zählt zu den 100 wichtigsten Dokumentationen der ARD aus den letzten Jahren”.