Kategorie-Archiv: Bau

45 Min: Der Fahrradkrieg

Der Fahrradkrieg: Kampf um die Straßen

https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/45_min/Der-Fahrradkrieg-Kampf-um-die-Strassen,sendung631726.html

Das Fahrrad kann zentrale Probleme lösen, mit denen deutsche Städte zu kämpfen haben: Stau, Lärm, Luftverschmutzung. Doch dafür sind die Radwege hierzulande noch völlig unzureichend: Sie sind schmal, verwinkelt, buckelig, verkrautet oder gleich ganz zugewachsen. Auf dem Bordstein geht es zudem oft so eng zu, dass sich Fussgänger und Radfahrer in die Quere kommen.

Hamburg: Radfahrer sollen auf die Straße

Viele Stadtplaner wollen die Radler daher vom Bürgersteig verbannen. Die Freie und Hansestadt Hamburg etwa investiert in weiße Farbe für Radstreifen am Straßenrand. Aufgemalte Linien und Fahrradpiktogramme sind preiswert und werden vor allem von sportlichen Radfahrern geschätzt, die ohnehin lieber auf der Straße fahren.

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Mithilfe der neuen Infrastruktur will Hamburg den Anteil von Radfahrern im Straßenverkehr von zwölf auf 25 Prozent verdoppeln und „Fahrradstadt“ werden. Doch dazu müssten breite Bevölkerungsschichten erst einmal aufs Rad umsteigen.

Sind Fahrradstreifen wirklich sicherer?

Kritiker bezweifeln jedoch, dass sich unsichere Radfahrer, Senioren oder gar Kinder zum Fahren auf die Straße locken lassen. Zumal sie sich dort mit neuen Gefahren konfrontiert sehen: Oft stehen Autos im Weg, sodass Radfahrer in den Autoverkehr ausweichen müssen. Autofahrer, die parken wollen, müssen den Radstreifen zwangsläufig überqueren. Gerade im dichten Berufsverkehr kommt es dabei immer wieder zu gefährlichen Situationen.

Radfahrstreifen

Vorbild Dänemark: Breite und abgegrenzte Radwege

Der Blick zum nördlichen Nachbarland Dänemark zeigt, was mehr Menschen zum Umstieg aufs Fahrrad motiviert: In Kopenhagen sind die Radwege konsequent verbreitert und baulich vom Fuß- und Autoverkehr klar getrennt worden. Der Erfolg: In der dänischen Metropole fahren mehr Menschen mit dem Rad als mit dem Auto. Was können deutsche Stadtplaner von den Dänen lernen?

Kopenhagen

 

 

45 Min: Die Wärmedämmerung

Vor vier Jahren habe ich für die NDR-Dokureihe „45 Min“ zum ersten Mal über die Brandgefahr und die ökologischen Risiken vieler Dämmstoffe berichtet. Nun bewegt sich endlich was:

Alle Zulassungen für Wärmedämmverbundsysteme mit Polystyrol müssen geändert werden – für mehr Brandschutz.

Ausgediente Dämmplatten aus Polystyrol müssen künftig als Sondermüll entsorgt werden.

Doch es bleiben enorme Risiken für Gesundheit, Umwelt und Geldbeutel durch eine Fassadendämmung, denen ich für 45 Min nachgehe:

http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/45_min/Die-Waermedaemmerung,sendung443002.html

Sondermüll an der Fassade

Es sind kurze, harte Hiebe, mit denen die Männer die Wand traktieren. Nach jedem Hammerschlag fliegen kleine Steinbrocken durch die Luft. Staub vernebelt die Sicht. Die Arbeiter tragen Helme und Schutzbrillen, einige auch Staubmasken. Sie müssen sich vorkommen wie in einem Steinbruch, dabei stehen sie auf dem Baugerüst eines Neubauprojekts in Hamburg. Noch sind die 200 luxuriös ausgestatteten Apartments nicht bezogen. Es wird auch eine Weile dauern: Zuerst müssen die Arbeiter die gerade erst angebrachte Wärmedämmung ersetzen.

Durch Zufall hat ein Gutachter bemerkt, dass der inzwischen insolvente Bauunternehmer am Kleber für die Dämmplatten gespart hatte. Eine starke Windböe könnte deswegen das Wärmedämmverbundsystem (WDVS) von der Wand reißen. Es besteht aus den Dämmplatten, einem stabilen Kunststoffnetz, verschiedenen Putzschichten sowie aufgeklebten Klinkerriemchen, die dem Neubau die Anmutung eines Backsteingebäudes geben sollen.

Klinker-abklopfen

Zehntausend Quadratmeter WDVS müssen auf der Hamburger Baustelle abgerissen und entsorgt werden. Sie bietet eine Vorschau auf das, was auf Deutschland zukommt: Irgendwann verwandelt sich die Fassadendämmung in Abfall, weil ihre Lebensdauer nicht an die von Gebäuden heranreicht. Viele 100 Millionen Quadratmeter der luftigen Platten kleben bereits an deutschen Hauswänden. Es geht also um große Mengen, sagt Bauexperte Bert Bielefeld von der Universität Siegen. „Wenn die nächste Generation von Besitzern diese Häuser sanieren muss, haben wir ein riesiges volkswirtschaftliches Problem, den Sondermüll von den Fassaden runter zu bekommen.“

In den allermeisten Fällen besteht die Dämmung aus Polystyrol, also Styropor. Dieser Kunststoff wird aus Erdöl hergestellt und ist brennbar. Dämmplatten enthalten daher meist ein Flammschutzmittel namens Hexabromcyclododecan (HBCD) – etwa sieben Gramm pro Kilogramm Trägermaterial. Doch HBCD gilt laut Europäischer Chemikalienagentur als „besonders besorgniserregend“: Es reichert sich in der Natur und in Organismen an und steht im Verdacht, die Fortpflanzung zu schädigen.

Deshalb haben die Vereinten Nationen ein globales HBCD-Verbot beschlossen. Die EU-Chemikalienverordnung Reach untersagt den Einsatz ab August 2015. Mehrere Hersteller von Dämmprodukten haben bei der zuständigen Agentur jedoch eine Ausnahmegenehmigung beantragt, um das Flammschutzmittel weiter einsetzen zu können. Daher ist die Chemikalie noch in den meisten Dämmplatten aus Styropor enthalten. Auch in denen, die in Hamburg entsorgt werden.

WDVS-Abriss

Die Arbeiter vor Ort wissen nichts von dem enthaltenen Gift; die meisten sprechen kein Deutsch. Mit einer Flex säbelt ihr Vorarbeiter die Köpfe der Dübel ab, welche die Platten an der Wand fixieren. Das reicht aber noch nicht. Nur wenige der eigentlichen Dämmplatten lassen sich sauber von der Fassade trennen. Viele zerbröseln dabei – kleine Styroporkügelchen rieseln während der Arbeit laufend vom Gerüst und werden vom Winde verweht.

Für den beauftragten Entsorgungsunternehmer Henner Buhck sind die abgebrochenen Platten „gemischter Bauabfall“: „Wir wissen wohl um die Diskussion um die Inhaltsstoffe. Bei Wärmeverbundsystemen aber ist es so, dass der Gesetzgeber sich noch nicht bereitgefunden hat, eine Umschlüsselung vorzunehmen.“

Plastikabfall, versetzt mit einer weltweit geächteten Chemikalie, ist kein Sondermüll? Kein „gefährlicher Abfall“, wie der juristisch korrekte Begriff lautet? Der Sprecher der Hamburger Umweltbehörde, Magnus-Sebastian Kutz, bestätigt auf Anfrage, dass WDVS-Reste „als gemischte Bau- und Abbruchabfälle entsorgt werden“. Gleichzeitig beschwichtigt er: „Diese Wärmeverbundsysteme werden erst seit einigen Jahren verbaut und stellen nach hiesiger Kenntnis derzeit noch kein Entsorgungsproblem dar.“ Auf Nachfrage nach dem enthaltenen HBCD korrigiert sich der Sprecher: „Sollte das Dämmmaterial mit HBCD oder anderen gefährlichen Stoffen belastet sein, so ist der Abfallschlüssel 17 06 03* zu verwenden.“ Schon das Sternchen kennzeichnet einen gefährlichen Abfallstoff, die Ziffer spezifiziert „Dämmmaterial, das aus gefährlichen Stoffen besteht oder solche Stoffe enthält“.

Genau hier liegt offenbar der Kern des Problems: Fällt das zu entsorgende Dämmmaterial unter diesen Schlüssel? Kutz verweist auf fehlende Vorgaben von EU und Bundesregierung. Fast alle Bundesländer antworten auf Anfrage, das Material sei gemischter Bauabfall oder unbedenkliches Dämmmaterial. Das Brandenburger Umweltministerium immerhin weist auf das HBCD-Verbot hin. Dessen Umsetzung in EU-Recht werde gerade vorbereitet. „Nach Inkrafttreten des Verwendungsverbotes wären Abfälle aus diesen Dämmsystemen als gefährlicher Abfall einzustufen.“

daemmplatten-vor-geruest

Wolfgang Setzler, Geschäftsführer des Fachverbands Wärmedämm-Verbundsysteme, erklärt auf Anfrage, ein zurückgebautes WDVS falle „unter den Abfallschlüssel 17 09 04 und ist damit als gemischter Bau- und Abbruchabfall zu bezeichnen, also als „nicht gefährlicher Abfall‘“. Im Übrigen habe das Fraunhofer-Institut für Bauphysik im Auftrag der Industrie die Entsorgung in einem Projekt erforscht, dessen Ergebnisse auf der Messe BAU 2015 präsentiert wurden. Statt des Abbruchs alter WDVS plädieren die Forscher für eine „Ertüchtigung“ der Systeme mittels „Aufdopplung“. Dabei werden die alten Dämmplatten nicht abgerissen, sondern mit neuen beklebt. Für einen leichteren Rückbau müsse über neue Befestigungstechniken nachgedacht werden. Entsorgungsprobleme seien jedoch nicht zu erwarten, da die Verbrennungskapazitäten ausreichen.

Alle Ministerien betonen, die Verbrennung der Platten sei – unabhängig von der Einstufung – das richtige Entsorgungsverfahren, da hierbei das HBCD zerstört werde. Auch der Hamburger Entsorger Buhck bringt den WDVS-Müll in eine Müllverbrennungsanlage (MVA). Doch das scheint die Ausnahme zu sein. „Diese Stofffraktion kommt in unseren Anlagen nicht an“, schreibt Andreas Aumüller von der Firma Energy from Waste auf Anfrage. Sein Unternehmen ist Deutschlands größter Betreiber von Müllverbrennungsanlagen.

Der Grund dürfte klar sein: Die Entsorgung in MVA ist vergleichsweise teuer. Da die Platten vor allem aus Erdöl bestehen, entwickeln sie sehr viel Hitze, wie Betriebsleiter bestätigen. Deshalb können sie nur in kleinen Mengen untergemischt werden. So dürften sich die Anlagen auch nur bedingt zur Entsorgung der großen Mengen eignen, die in den kommenden Jahrzehnten anstehen. Besser eignen sich offenbar einige Industriekraftwerke.

Bei den Göttinger Entsorgungsbetrieben (GEB) etwa werden Dämmplatten gemeinsam mit anderen Abfällen zerkleinert und zu einem Ersatzbrennstoff verarbeitet, den dann das Heizkraftwerk Witzenhausen verfeuert. „Wenn das Material Sonderabfall würde, dürften wir das nicht mehr annehmen“, sagt Franz Rottkord, Abteilungsleiter Abfallwirtschaft bei den GEB. „Wir müssten es separieren und zu einer Sonderabfallbehandlungsanlage transportieren.“ Eine Einstufung als Sondermüll würde die Entsorgung des Materials also deutlich verteuern. Die Kosten hätten die Hausbesitzer zu tragen. Doch schon jetzt ist die Wärmedämmung mit Polystyrol in Verruf geraten – aufgrund der trotz HBCD bestehenden Brandgefahr und anderer Probleme. Würden die Platten als Sondermüll eingestuft, wären sie wohl noch schwerer zu verkaufen.

Dämmplatten-in-Container

Daran hat die Politik offenbar kein Interesse. Eine Sprecherin des Bundesumweltministeriums schreibt auf Anfrage: „HBCD ist kaum wasserlöslich und fest in den Polystyrolschaum eingebunden.“ Bei einer korrekten Entsorgung komme es zu „keinem Gesundheits- und Umweltrisiko“. Tatsächlich ist die Abfallverbrennung in Europa technisch weit entwickelt. Doch gerade bei HBCD-belasteten Dämmplatten könnten Dioxine und Furane entstehen, sagen Toxikologen.

Eine Einstufung als Sondermüll wäre auch deshalb sinnvoll, weil sie die Nutzung illegaler Entsorgungswege erschweren würde. „In Deutschland gilt für ,gefährliche Abfälle‘ ein gesondertes und sehr spezifisches Dokumentationsverfahren“, erläutert Henner Buhck. „Da ist jederzeit nachvollziehbar, wo die Stoffe landen.“

Bisher ist dies im Einzelfall kaum zu verfolgen. Theoretisch wäre es sogar möglich, dass die Platten ins Recycling gehen. So könnten aus giftbelasteten Platten Verpackungen werden. Ein weiterer möglicher Entsorgungsweg sind Deponien für Bauschutt und ähnliche Stoffe, da es deutlich günstiger ist, den Abfall dort abzulagern, als ihn zu verbrennen. Eine Stichprobe auf einer niedersächsischen Mülldeponie zeigt, dass die Verantwortlichen beim Styropor bisher offenbar nicht so genau hinschauen. Dort liegen, versteckt zwischen Säcken mit Mineralwolldämmung, zahlreiche Styroporplatten, deren Ablagerung nach Deponierecht strikt verboten ist.

Styropor-auf-Deponie

Kritiker Bielefeld vermutet hinter der abwartenden Haltung der Politik ein System: „Die Sondermülleinstufung kommt immer erst dann, wenn es wirtschaftlich verträglich ist. Das Problem sieht man auch im Bereich von Asbest, PCB und anderen Schadstoffen, die wir früher massiv verbaut haben und heute auch verdammen.“

Dies ist die leicht aktualisierte Fassung eines Textes, der am 28.10.2014 in der Süddeutschen Zeitung erschien.

Automatische Wohnungslüftung

Automatische Lüftungsanlagen sollen sicherstellen, dass wärmegedämmte Gebäude in ihrem Inneren nicht verschimmeln. Doch die Technik ist teuer und muss gewartet werden. Am Ende ist es vielleicht doch besser, regelmäßig die Fenster zu öffnen

Schimmelt es in gedämmten Gebäuden, gibt es dafür zwei Erklärungen: Die Handwerker haben geschlampt, als sie eine Schutzschicht außen an die Fassade klebten. Oder die Bewohner haben nicht genug gelüftet. Hauseigentümer bevorzugen meist die zweite Auslegung, wenn sich Mieter über Stockflecken und Schimmelbildung beschweren.

Da ist es zunächst erstaunlich, dass eine Industrielobby verbreitet, das Öffnen der Fenster zur Lüftung der Wohnung habe ausgedient. Doch der Bundesverband für Wohnungslüftung (VFW) propagiert offensiv den Einbau automatisierter Belüftungsanlagen, die möglichst viel Wärme aus der Raumluft zurückgewinnen, bevor diese ausgetauscht wird. VFW-Geschäftsführer Raimund Käser sagt, so ließen sich Heizenergieverluste um zwei Drittel senken. „Im Bereich der Effizienzhäuser mit einer KfW-Förderung nach Stufe 55 und besser und im Passivhaus ist der Einsatz von Zu- und Abluftanlagen mit Wärmerückgewinnung eigentlich unabdingbar.“

Auch die Industrienorm DIN 1946-6 fordert seit 2009 die Erstellung eines Lüftungskonzepts sowie die Sicherstellung der „nutzerunabhängigen“ Raumbelüftung für Neubauten und umfassend renovierte Altgebäude. Und so kommt es, dass Handwerkerbetriebe in ganz Deutschland Bauherren solche Anlagen aufschwatzen, oft ohne die Käufer über die Risiken, Folgekosten und technischen Grenzen der neuen Lüftung aufzuklären. Zudem ist die Energieersparnis umstritten, denn die Anlagen verbrauchen selbst viel Strom. Das vom Bundeskabinett beschlossene Förderprogramm für energetische Sanierung liefert den Firmen weitere Argumente.

Oft bekommen Haus oder Wohnungskäufer eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung (WRG), ob sie wollen oder nicht: Kai Petersen aus Hamburg zum Beispiel hat vor einem Jahr ein Niedrigenergie-Reihenhaus gekauft, und die Wohnungslüftung war bereits vom Bauträger eingeplant worden. Der Familienvater hofft, dass das System mehr Energie spart, als die Lüftung verbraucht, ist aber skeptisch: „Das ist eine Anlage, die rund um die Uhr läuft, auch im Sommer.“ Bei durchschnittlich halber Leistung würde sie im Jahr 626 Kilowattstunden Strom verbrauchen. Das wären bei einem Preis von 25 Cent pro Energieeinheit knapp 160 Euro im Jahr.

Heizenergie sparen kann sie freilich nur in der Heizperiode, und darüber gibt es noch keine ausreichenden Daten. Modellrechnungen mit großzügigen Annahmen beziffern die Einsparungen an der Heizung etwa auf das Doppelte der Stromkosten. Darum ist VFW-Geschäftsführer Käser sicher, dass eine WRG-Anlage weit mehr Energie spart, „als sie an Ventilatorstrom verbraucht“. Jedenfalls „wenn Planung, Ausführung und Betrieb sorgfältig vorgenommen werden“. Das sind ziemlich viele Wenns, zumal Fachleute hegen grundsätzliche Zweifel am Sinn der Wärmerückgewinnung in Wohnungen.

Während sie bei Großprojekten, wie etwa Bürohäusern, fast immer sinnvoll sind, sei dies bei Wohnungslüftungen meist nicht der Fall, sagt etwa der Lüftungsberater Eckhard Steinicke aus Berlin, der seit mehr als 40 Jahren in der Branche tätig ist. Er hat verschiedene Wohnungslüftungssysteme in Bezug auf Kosten und Energieverbrauch verglichen und kommt zum Ergebnis, dass Wärmerückgewinnung oft „ökonomisch sinnlos und ökologisch schädlich“ ist. Im Wohnbereich sei die Wirtschaftlichkeit solcher Systeme fraglich, zumal sie meist überdimensioniert seien. Zudem ist die Technik darauf ausgelegt, dass die Fenster fest geschlossen bleiben.

Gegen die Anlagen sprächen auch ihre Folgekosten, sagt Steinicke, nicht nur für den Betriebsstrom, sondern auch für die Filter, die mindestens einmal im Jahr gewechselt werden müssten. Die Kosten für den Filterwechsel schätzt der VFW auf „circa 20 bis 30 Euro jährlich“. Da kann Kai Petersen nur staunen: „Das günstigste Angebot, das wir für die Filter bekommen haben, betrug 100 Euro.“ Der Hausbesitzer soll die Filter nun monatlich absaugen und jährlich wechseln. „Die Filter verschmutzen recht schnell und dann steigt der Strombedarf“, sagt Steinicke.

Alle fünf Jahre ist zudem eine professionelle Wartung fällig. Welche Folgen es haben kann, wenn die Reinigung der Anlagen ausbleibt, weiß Stefan Burhenne aus langjähriger Erfahrung. Der Vorstand des Deutschen Fachverbands für Luft- und Wasserhygiene ist auch Inhaber der Firma Hydroclean, die vor allem Lüftungsanlagen in Gewerbeobjekten reinigt. Gelegentlich erforscht seine Kanalkamera auch Wohnungslüftungen. In den Kanälen fänden sich immer wieder sogar tote Tiere, berichtet er. In jedem Fall „bildet Schmutz einen Nährboden für Mikroorganismen, vor allem wenn Feuchtigkeit hinzukommt“.

verschmutzte Tellerventile aus Lüftungsanlagen

verschmutzte Tellerventile aus Lüftungsanlagen

VFW-Geschäftsführer Käser hingegen seien Hygieneprobleme „bei Wohnungslüftungsanlagen mit korrekter Wartung nicht bekannt“. Für ein persönliches Interview zu diesen Fragen stand Käser nicht zur Verfügung, sondern beantwortete übermittelte Fragen schriftlich. So schrieb er, es sei „eine Befeuchtung der Luft innerhalb des Lüftungssystems aus hygienischen Gründen zu vermeiden“. Diesen Hinweis hält der Experte Burhenne für realitätsfremd: Feuchtigkeit lasse sich kaum verhindern, „vor allem in Bädern und der Küche“.

Die Reinigung einer Anlage ist mit hohem Aufwand verbunden, weil in den Rohren ein Unterdruck aufgebaut werden muss, um den Schmutz kontrolliert abzusaugen. Mit mindestens 500 Euro müssten Hausbesitzer rechnen, so Burhenne. Manchmal werde es noch viel teurer, wenn Verstopfungen gelöst werden müssen. Da könne es sogar vorkommen, dass eine Wand aufgestemmt werden müsse. „Wir stellen leider fest, dass viele Anlagen nicht fachgerecht verbaut werden“, sagt Burhenne.

Diese Erfahrung haben auch die Petersens gemacht: In ihrem Reihenhaus ist die Lüftungsanlage im Badezimmer über der abgehängten Decke untergebracht. Zwei Wochen nach dem Einzug gab es die ersten Probleme: „Als wir morgens ins Badezimmer kamen, tröpfelte es aus der Decke. Die Lüftungsanlage ist übergelaufen“, erinnert sich Petersen. Es hatte sich Kondenswasser gebildet, das wegen eines fehlenden Gefälles nicht abgeführt wurde.

Für den Lüftungssachverständigen Anton Tienes aus Berlin ist dies ein typisches Problem: „Wenn sich bei hoher Luftfeuchte Kondenswasser bildet, muss die Kondensatwanne einen Abfluss haben, der mit Gefälle an eine Schmutzwasserleitung angebunden ist.“ Bei den Petersens und einigen Nachbarn hat der Fachbetrieb dies versäumt. Er musste nachträglich Pumpen installieren. Damit sind aber nicht alle Probleme gelöst: Im Sommer gebe es Zeiten, in denen kein Kondensat anfällt, sagt Tienes. „Fehlt dann Wasser im Geruchsverschluss, kann es zu unangenehmen Gerüchen kommen, die sich in der Wohnung verteilen. Kaum einer findet heraus, warum es riecht, wenn man das nicht weiß.“

Auf die Frage, wie oft es zu solchen oder ähnlichen Problemen mit Lüftungsanlagen kommt, antwortet der VFW, diese seien „bei sachgemäßer Planung und Wartung auszuschließen“. Doch genau daran hapert es offenbar. Laut Tienes führen unsachgemäße Planung und Einbau der Anlagen zu technischen Problemen. Einen Grund dafür sieht der Experte in der DIN 1946-6. Das dort geforderte „Lüftungskonzept“ mache kaum ein Planer richtig, da die Vorgaben der Norm umständlich und schwer verständlich seien.

In diese Lücke stößt der Bundesverband für Wohnungslüftung und bietet Planern eine kostenfreie Software für das Lüftungskonzept an. „Wenn man auf die Software zurückgreift, weiß man gar nicht mehr, was genau man macht“, klagt Tienes. „Für die ausführende Firma bedeutet es, dass sie unter Umständen eine Planung bekommt, die nicht ohne Weiteres umsetzbar ist.“

Werden die Anlagen in Deutschland erst seit wenigen Jahren in großer Zahl eingebaut, sind in Holland bereits weit mehr Wohnungen mit der Lüftungstechnik ausgestattet. Die Erfahrungen im Nachbarland sind wenig ermutigend. Nach Beschwerden von Mietern über gesundheitliche Probleme ließ das dortige Umweltministerium vom Rotterdamer Ingenieurbüro BBA Binnenmilieu eine Feldstudie erstellen. „Wir haben 300 Häuser mit unterschiedlichen Systemen der kontrollierten Wohnungslüftung untersucht“, sagt Atze Boerstra von BBA. „Und fast alle hatten einen oder mehrere ernsthafte Mängel.“

Viele Anlagen waren zu laut, lieferten nicht genug Frischluft oder waren stark verschmutzt. Oft wurden die komplizierten Systeme mangelhaft installiert, sagt Boerstra. Der Innenraumluftspezialist hat die Ergebnisse bereits in Belgien, Frankreich, England und Dänemark vorgestellt; eine Einladung aus Deutschland hat er nicht erhalten. „Ich gewinne den Eindruck, dass es überall diese Probleme gibt und sie nicht auf Holland beschränkt sind.“ Inzwischen habe dort Umdenken eingesetzt: Heute bekämen nicht mehr 70 Prozent, sondern 30 Prozent der Neubauten Lüftungsanlagen.

Hierzulande werden die Systeme mit günstigen Krediten und Einbauprämien gefördert. Doch manche Architekten weigern sich, die komplizierte Technik in Wohnhäusern einzubauen. Es ist eben ein Unterschied, ob die Anlage in einem großen Bürohaus mit professionellem Gebäudemanagement arbeitet oder in einem Reihenhaus, dessen Bewohner sich selbst um die Wartung kümmern müssen.

Um den Haftungsrisiken durch eine mangelnde Lüftung zu entgehen, setzen viele Bauträger darum auf Schlitze in den Fensterdichtungen und Fensterfalzlüfter. Doch sie haben auch Nachteile: So verursachen sie manchmal Flecken über den Fenstern, da die Luft permanent durch schmale Kanäle mit hohem Tempo einströmt. Gleichzeitig reduzieren sie die Schalldämmung der Fenster. Es könnte sich also lohnen, neu über eine alte Methode nachzudenken: das Stoßlüften. Zwar erfordert es bei dichten Gebäudehüllen mehr Wachsamkeit. Doch ein Feuchtemessgerät hilft. Überschreitet die Luftfeuchtigkeit im Raum einen kritischen Wert (etwa 60 Prozent), reißen die Bewohner die Fenster weit auf. Der Wartungsbedarf der Methode ist überschaubar.

Dieser Text erschien am 22.12.2012 in der Süddeutschen Zeitung

Das Energieinstitut Vorarlberg meint dazu: „Ein äußerst schlecht recherchierter und voreingenommener Beitrag, der die Realität verzerrt und in weiten Teilen falsch wiedergibt.“

Überzeugen Sie sich selbst von den Argumenten der Lobbyisten:

http://www.energieinstitut.at/?sID=4104

 

45 Min: Wahnsinn Wärmedämmung

Ende 2011 lief unsere 45-Min-Dokumentation „Wahnsinn Wärmedämmung“ im NDR-Fernsehen. Es ging nicht um Vorteile, sondern um Probleme der Wärmedämmung. Eine Reise durch bizarre Vorschriften, die offenbar dazu da sind, dass möglichst viele Häuser in Deutschland mit Plastik beklebt werden. Wir haben die Folgen in Form von Spechtlöchern, Bauschäden, Schimmel und Brandkatastrophen gezeigt. 2011 wurde die Doku in der Kategorie “Beste Rechercheleistung” für den NDR-Fernsehpreis “Seh-Stern” nominiert.

Wir haben uns gefragt, warum dieses Material als „schwerentflammbar“ gilt, obwohl immer wieder Fassaden abfackeln, die damit “saniert” worden waren. Mit dieser Frage haben wir uns in der Fortsetzung der Doku befasst.

„Wärmedämmung – der Wahnsinn geht weiter“ (NDR, 45 Min, 26.11.2012)

„Wärmedämmung – der Wahnsinn geht weiter“

Im zweiten Teil ging es schwerpunktmäßig auch um die ökologischen Folgen der Wärmedämmung, wie den breiten Eintrag gefährlicher Gifte in die Umwelt und die als logische Ergänzung des Thermoskannen-Hauses propagierte “kontrollierte Wohnungslüftung”. Diese Doku zählt zu den 100 wichtigsten Dokumentationen der ARD aus den letzten Jahren”.

 

 

Rätselhafte Löcher am Haus

Sie tauchen meist an Giebelwänden oder an den Ecken von Gebäuden auf: kreisrunde, handgroße Löcher in Fassaden. Betroffen sind Häuser mit Wärmedämmung, denn nur deren Fassaden klingen so hohl, dass Spechte glauben, hier lasse sich nach Futter suchen oder eine Nisthöhle einrichten. Die Dämmung klingt beim Klopfen ähnlich hohl wie morsches Holz. Also krallen sich die Buntspechte in den Putz und picken den Dämmstoff aus der Fassade. Besonders leicht fällt ihnen dies an Gebäudekanten, daher tauchen dort auch die meisten Löcher auf. Weder ein dicker Putz noch die Kunststoffbewehrung vor den Dämmplatten aus Polystyrol widerstehen seinem scharfen Schnabel. Verliert der Specht das Interesse, tauchen oft Nachmieter auf. Vor allem Stare, Spatzen und Eichhörnchen haben die Vorzüge der Fassadendämmung erkannt, denn sie sind darin geschützt vor Wind und Wetter.

Ein Spatz hat es sich in der Wärmedämmung aus Polystyrol gemütlich gemacht.

Ein Spatz hat es sich in der Wärmedämmung aus Polystyrol gemütlich gemacht.

Die Löcher bedrohen jedoch die Bausubstanz, denn durch sie kann Feuchtigkeit eindringen – und Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) sind sehr anfällig gegen Nässe,  denn die Styroporplatten werden direkt auf das Mauerwerk geklebt und sind wasserundurchlässig. Ist die Feuchtigkeit erst mal drin, kann sie kaum mehr entweichen. Dann drohen massive Bauschäden.

Stare im Styropor

Stare im Styropor

Die Löcher müssen daher nach Ende der Brutzeit repariert werden, bevor im Herbst viel Regen fällt. Da sie sich meist an schwer zugänglichen Stellen befinden, ist das ein lukrativer Job für Fassadenkletterer geworden. Für viele Firmen ist das längst ein Alltagsgeschäft: Die Hamburger Firma Ropeworx verschliesst jährlich circa 400 Löcher. Die Kletterprofis seilen sich vom Dach ab und stopfen den Hohlraum mit Mineralwolle. Sonst würde in der Dämmschicht eine Wärmebrücke entstehen und an der Innenwand zu Schimmelbildung führen. Noch wichtiger ist es, das Eindringen von Feuchtigkeit in den Dämmstoff zu verhindern. Ein vorgefertigtes Reparaturstück, meist aus Polystyrol mit Putzoberfläche, muss daher exakt eingepasst und sorgfältig versiegelt werden.

Die Kletterprofis von Ropeworx bei der Arbeit

Die Kletterprofis von Ropeworx bei der Arbeit

Manchmal können Hausbesitzer Mengenrabatt aushandeln. Die unten abgebildete rote Fassade hatte insgesamt zwölf Löcher.

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Doch selbst reparierte Löcher sind vor den hackwütigen Spechten nicht sicher. Manchmal kommt er an just jene Stellen zurück und pickt exakt die sanierten Stellen wieder auf. Schlechte Nachrichten für Hausbesitzer und gute Aussichten für die Kletterprofis. Sie haben längst Routine in der Spechtlochsanierung.

An dieser Fassade hat der Specht Gefallen gefunden

An dieser Fassade hat der Specht Gefallen gefunden

Als Gegenmittel werden gerne Klinkerriemchen angepriesen. Die ca. 14 mm starken Klinkerimitate sollen dafür sorgen, dass eine Fassade mit WDVS aussieht wie eine aus echtem Klinker. Doch den Specht können sie nicht täuschen, da es dahinter genau so hohl klingt. Zwar beteuern einige Riemchen-Hersteller, dass sich der Specht an ihnen den Schnabel aushackt. Doch das ist nur Wunschdenken – einen zuverlässigen Schutz gegen Spechtlöcher bieten sie nicht.

Kein Problem für Spechte: Klinkerriemchen

Kein Problem für Spechte: Klinkerriemchen

https://www.youtube.com/watch?v=TyymtT2ni0s

Beitrag aus W wie Wissen vom 4.12.2011