Kategorie-Archiv: Technik

45 Min: Die Wärmedämmerung

Vor vier Jahren habe ich für die NDR-Dokureihe „45 Min“ zum ersten Mal über die Brandgefahr und die ökologischen Risiken vieler Dämmstoffe berichtet. Nun bewegt sich endlich was:

Alle Zulassungen für Wärmedämmverbundsysteme mit Polystyrol müssen geändert werden – für mehr Brandschutz.

Ausgediente Dämmplatten aus Polystyrol müssen künftig als Sondermüll entsorgt werden.

Doch es bleiben enorme Risiken für Gesundheit, Umwelt und Geldbeutel durch eine Fassadendämmung, denen ich für 45 Min nachgehe:

http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/45_min/Die-Waermedaemmerung,sendung443002.html

Hörgeräte

Was taugen Hörgeräte?

Rund 15 Millionen Menschen in Deutschland hören schlecht. Doch die wenigsten tragen Hörgeräte. Das kann gravierende Folgen haben, vor allem im fortgeschrittenen Alter: „Eine Altersschwerhörigkeit, die nicht versorgt ist, ist der Hauptrisikofaktor für die Altersdemenz“, sagt Prof. Arneborg Ernst, Direktor der HNO-Klinik am Unfallkrankenhaus Berlin.

http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/w-wie-wissen/hoeren-100.html

Den allermeisten kann mit Hörgeräten geholfen werden. Seit dem 1. November 2013 ist das keine Geldfrage mehr. Nach einem Urteil des Bundessozialgerichts hat die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) die Festbeträge für Hörhilfen fast verdoppelt. Aktuelle zuzahlungsfreie Hörgeräte entsprechen also den Luxusmodellen von vor einigen Jahren. Das kostet die Versichertengemeinschaft viel Geld: 2014 stiegen die Ausgaben der GKV für Hörhilfen gegenüber 2013 um 65 Prozent auf fast eine Milliarde Euro. Die Betroffenen sollten bessere Hörgeräte für weniger Geld erwarten können. Doch die Studie einer Krankenkasse weckt Zweifel.

http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/gesundheit-das-ohr-zur-welt-1.2495968?reduced=true

Automatische Wohnungslüftung

Automatische Lüftungsanlagen sollen sicherstellen, dass wärmegedämmte Gebäude in ihrem Inneren nicht verschimmeln. Doch die Technik ist teuer und muss gewartet werden. Am Ende ist es vielleicht doch besser, regelmäßig die Fenster zu öffnen

Schimmelt es in gedämmten Gebäuden, gibt es dafür zwei Erklärungen: Die Handwerker haben geschlampt, als sie eine Schutzschicht außen an die Fassade klebten. Oder die Bewohner haben nicht genug gelüftet. Hauseigentümer bevorzugen meist die zweite Auslegung, wenn sich Mieter über Stockflecken und Schimmelbildung beschweren.

Da ist es zunächst erstaunlich, dass eine Industrielobby verbreitet, das Öffnen der Fenster zur Lüftung der Wohnung habe ausgedient. Doch der Bundesverband für Wohnungslüftung (VFW) propagiert offensiv den Einbau automatisierter Belüftungsanlagen, die möglichst viel Wärme aus der Raumluft zurückgewinnen, bevor diese ausgetauscht wird. VFW-Geschäftsführer Raimund Käser sagt, so ließen sich Heizenergieverluste um zwei Drittel senken. „Im Bereich der Effizienzhäuser mit einer KfW-Förderung nach Stufe 55 und besser und im Passivhaus ist der Einsatz von Zu- und Abluftanlagen mit Wärmerückgewinnung eigentlich unabdingbar.“

Auch die Industrienorm DIN 1946-6 fordert seit 2009 die Erstellung eines Lüftungskonzepts sowie die Sicherstellung der „nutzerunabhängigen“ Raumbelüftung für Neubauten und umfassend renovierte Altgebäude. Und so kommt es, dass Handwerkerbetriebe in ganz Deutschland Bauherren solche Anlagen aufschwatzen, oft ohne die Käufer über die Risiken, Folgekosten und technischen Grenzen der neuen Lüftung aufzuklären. Zudem ist die Energieersparnis umstritten, denn die Anlagen verbrauchen selbst viel Strom. Das vom Bundeskabinett beschlossene Förderprogramm für energetische Sanierung liefert den Firmen weitere Argumente.

Oft bekommen Haus oder Wohnungskäufer eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung (WRG), ob sie wollen oder nicht: Kai Petersen aus Hamburg zum Beispiel hat vor einem Jahr ein Niedrigenergie-Reihenhaus gekauft, und die Wohnungslüftung war bereits vom Bauträger eingeplant worden. Der Familienvater hofft, dass das System mehr Energie spart, als die Lüftung verbraucht, ist aber skeptisch: „Das ist eine Anlage, die rund um die Uhr läuft, auch im Sommer.“ Bei durchschnittlich halber Leistung würde sie im Jahr 626 Kilowattstunden Strom verbrauchen. Das wären bei einem Preis von 25 Cent pro Energieeinheit knapp 160 Euro im Jahr.

Heizenergie sparen kann sie freilich nur in der Heizperiode, und darüber gibt es noch keine ausreichenden Daten. Modellrechnungen mit großzügigen Annahmen beziffern die Einsparungen an der Heizung etwa auf das Doppelte der Stromkosten. Darum ist VFW-Geschäftsführer Käser sicher, dass eine WRG-Anlage weit mehr Energie spart, „als sie an Ventilatorstrom verbraucht“. Jedenfalls „wenn Planung, Ausführung und Betrieb sorgfältig vorgenommen werden“. Das sind ziemlich viele Wenns, zumal Fachleute hegen grundsätzliche Zweifel am Sinn der Wärmerückgewinnung in Wohnungen.

Während sie bei Großprojekten, wie etwa Bürohäusern, fast immer sinnvoll sind, sei dies bei Wohnungslüftungen meist nicht der Fall, sagt etwa der Lüftungsberater Eckhard Steinicke aus Berlin, der seit mehr als 40 Jahren in der Branche tätig ist. Er hat verschiedene Wohnungslüftungssysteme in Bezug auf Kosten und Energieverbrauch verglichen und kommt zum Ergebnis, dass Wärmerückgewinnung oft „ökonomisch sinnlos und ökologisch schädlich“ ist. Im Wohnbereich sei die Wirtschaftlichkeit solcher Systeme fraglich, zumal sie meist überdimensioniert seien. Zudem ist die Technik darauf ausgelegt, dass die Fenster fest geschlossen bleiben.

Gegen die Anlagen sprächen auch ihre Folgekosten, sagt Steinicke, nicht nur für den Betriebsstrom, sondern auch für die Filter, die mindestens einmal im Jahr gewechselt werden müssten. Die Kosten für den Filterwechsel schätzt der VFW auf „circa 20 bis 30 Euro jährlich“. Da kann Kai Petersen nur staunen: „Das günstigste Angebot, das wir für die Filter bekommen haben, betrug 100 Euro.“ Der Hausbesitzer soll die Filter nun monatlich absaugen und jährlich wechseln. „Die Filter verschmutzen recht schnell und dann steigt der Strombedarf“, sagt Steinicke.

Alle fünf Jahre ist zudem eine professionelle Wartung fällig. Welche Folgen es haben kann, wenn die Reinigung der Anlagen ausbleibt, weiß Stefan Burhenne aus langjähriger Erfahrung. Der Vorstand des Deutschen Fachverbands für Luft- und Wasserhygiene ist auch Inhaber der Firma Hydroclean, die vor allem Lüftungsanlagen in Gewerbeobjekten reinigt. Gelegentlich erforscht seine Kanalkamera auch Wohnungslüftungen. In den Kanälen fänden sich immer wieder sogar tote Tiere, berichtet er. In jedem Fall „bildet Schmutz einen Nährboden für Mikroorganismen, vor allem wenn Feuchtigkeit hinzukommt“.

verschmutzte Tellerventile aus Lüftungsanlagen

verschmutzte Tellerventile aus Lüftungsanlagen

VFW-Geschäftsführer Käser hingegen seien Hygieneprobleme „bei Wohnungslüftungsanlagen mit korrekter Wartung nicht bekannt“. Für ein persönliches Interview zu diesen Fragen stand Käser nicht zur Verfügung, sondern beantwortete übermittelte Fragen schriftlich. So schrieb er, es sei „eine Befeuchtung der Luft innerhalb des Lüftungssystems aus hygienischen Gründen zu vermeiden“. Diesen Hinweis hält der Experte Burhenne für realitätsfremd: Feuchtigkeit lasse sich kaum verhindern, „vor allem in Bädern und der Küche“.

Die Reinigung einer Anlage ist mit hohem Aufwand verbunden, weil in den Rohren ein Unterdruck aufgebaut werden muss, um den Schmutz kontrolliert abzusaugen. Mit mindestens 500 Euro müssten Hausbesitzer rechnen, so Burhenne. Manchmal werde es noch viel teurer, wenn Verstopfungen gelöst werden müssen. Da könne es sogar vorkommen, dass eine Wand aufgestemmt werden müsse. „Wir stellen leider fest, dass viele Anlagen nicht fachgerecht verbaut werden“, sagt Burhenne.

Diese Erfahrung haben auch die Petersens gemacht: In ihrem Reihenhaus ist die Lüftungsanlage im Badezimmer über der abgehängten Decke untergebracht. Zwei Wochen nach dem Einzug gab es die ersten Probleme: „Als wir morgens ins Badezimmer kamen, tröpfelte es aus der Decke. Die Lüftungsanlage ist übergelaufen“, erinnert sich Petersen. Es hatte sich Kondenswasser gebildet, das wegen eines fehlenden Gefälles nicht abgeführt wurde.

Für den Lüftungssachverständigen Anton Tienes aus Berlin ist dies ein typisches Problem: „Wenn sich bei hoher Luftfeuchte Kondenswasser bildet, muss die Kondensatwanne einen Abfluss haben, der mit Gefälle an eine Schmutzwasserleitung angebunden ist.“ Bei den Petersens und einigen Nachbarn hat der Fachbetrieb dies versäumt. Er musste nachträglich Pumpen installieren. Damit sind aber nicht alle Probleme gelöst: Im Sommer gebe es Zeiten, in denen kein Kondensat anfällt, sagt Tienes. „Fehlt dann Wasser im Geruchsverschluss, kann es zu unangenehmen Gerüchen kommen, die sich in der Wohnung verteilen. Kaum einer findet heraus, warum es riecht, wenn man das nicht weiß.“

Auf die Frage, wie oft es zu solchen oder ähnlichen Problemen mit Lüftungsanlagen kommt, antwortet der VFW, diese seien „bei sachgemäßer Planung und Wartung auszuschließen“. Doch genau daran hapert es offenbar. Laut Tienes führen unsachgemäße Planung und Einbau der Anlagen zu technischen Problemen. Einen Grund dafür sieht der Experte in der DIN 1946-6. Das dort geforderte „Lüftungskonzept“ mache kaum ein Planer richtig, da die Vorgaben der Norm umständlich und schwer verständlich seien.

In diese Lücke stößt der Bundesverband für Wohnungslüftung und bietet Planern eine kostenfreie Software für das Lüftungskonzept an. „Wenn man auf die Software zurückgreift, weiß man gar nicht mehr, was genau man macht“, klagt Tienes. „Für die ausführende Firma bedeutet es, dass sie unter Umständen eine Planung bekommt, die nicht ohne Weiteres umsetzbar ist.“

Werden die Anlagen in Deutschland erst seit wenigen Jahren in großer Zahl eingebaut, sind in Holland bereits weit mehr Wohnungen mit der Lüftungstechnik ausgestattet. Die Erfahrungen im Nachbarland sind wenig ermutigend. Nach Beschwerden von Mietern über gesundheitliche Probleme ließ das dortige Umweltministerium vom Rotterdamer Ingenieurbüro BBA Binnenmilieu eine Feldstudie erstellen. „Wir haben 300 Häuser mit unterschiedlichen Systemen der kontrollierten Wohnungslüftung untersucht“, sagt Atze Boerstra von BBA. „Und fast alle hatten einen oder mehrere ernsthafte Mängel.“

Viele Anlagen waren zu laut, lieferten nicht genug Frischluft oder waren stark verschmutzt. Oft wurden die komplizierten Systeme mangelhaft installiert, sagt Boerstra. Der Innenraumluftspezialist hat die Ergebnisse bereits in Belgien, Frankreich, England und Dänemark vorgestellt; eine Einladung aus Deutschland hat er nicht erhalten. „Ich gewinne den Eindruck, dass es überall diese Probleme gibt und sie nicht auf Holland beschränkt sind.“ Inzwischen habe dort Umdenken eingesetzt: Heute bekämen nicht mehr 70 Prozent, sondern 30 Prozent der Neubauten Lüftungsanlagen.

Hierzulande werden die Systeme mit günstigen Krediten und Einbauprämien gefördert. Doch manche Architekten weigern sich, die komplizierte Technik in Wohnhäusern einzubauen. Es ist eben ein Unterschied, ob die Anlage in einem großen Bürohaus mit professionellem Gebäudemanagement arbeitet oder in einem Reihenhaus, dessen Bewohner sich selbst um die Wartung kümmern müssen.

Um den Haftungsrisiken durch eine mangelnde Lüftung zu entgehen, setzen viele Bauträger darum auf Schlitze in den Fensterdichtungen und Fensterfalzlüfter. Doch sie haben auch Nachteile: So verursachen sie manchmal Flecken über den Fenstern, da die Luft permanent durch schmale Kanäle mit hohem Tempo einströmt. Gleichzeitig reduzieren sie die Schalldämmung der Fenster. Es könnte sich also lohnen, neu über eine alte Methode nachzudenken: das Stoßlüften. Zwar erfordert es bei dichten Gebäudehüllen mehr Wachsamkeit. Doch ein Feuchtemessgerät hilft. Überschreitet die Luftfeuchtigkeit im Raum einen kritischen Wert (etwa 60 Prozent), reißen die Bewohner die Fenster weit auf. Der Wartungsbedarf der Methode ist überschaubar.

Dieser Text erschien am 22.12.2012 in der Süddeutschen Zeitung

Das Energieinstitut Vorarlberg meint dazu: „Ein äußerst schlecht recherchierter und voreingenommener Beitrag, der die Realität verzerrt und in weiten Teilen falsch wiedergibt.“

Überzeugen Sie sich selbst von den Argumenten der Lobbyisten:

http://www.energieinstitut.at/?sID=4104

 

Wenn Fassaden brennen

Bei der Gebäudedämmung kommt aus Kostengründen meist Polystyrol zum Einsatz. Das gilt baurechtlich noch immer als „schwerentflammbar“. Gleichwohl sind die Platten brennbar.

Brandgefährlich: Polystyrol

Brandgefährlich: Polystyrol

Im Gegensatz etwa zu einem massiven Mauerwerk oder einer Dämmung mit Steinwolle oder Mineralschaumplatten bergen die Styropor-Platten eine Feuergefahr. Hoch giftige Flammschutzmitteln, Brandriegeln aus Steinwolle und eine Putzschicht sollen dafür sorgen, dass sie das Feuer nicht weiter tragen.

Doch genau das passiert immer wieder. In Delmenhorst etwa brannten 2011 fünf Mehrfamilienhäuser aus, nachdem Jugendliche zwei Müllcontainer angezündet hatten.

Delmenhorst 2011

Delmenhorst 2011

Delmenhorst war kein Einzelfall.

Steinhude im Juli 2013

Steinhude im Juli 2013

Bekannt geworden sind über 50 Fälle, in denen mit Styropor gedämmte Fassaden Feuer gefangen haben. Die genaue Zahl kennt niemand, da Brände mit Polystyrol nicht gezielt erfasst werden.

Garbsen 2012

Garbsen 2012

Polystyrol ist ein Erdölprodukt, insofern verwundert es nicht, dass damit verkleidete Fassaden brennen „als hätte man mehrere tausend Liter Benzin gezündet“, wie es der Frankfurter Feuerwehrchef Prof. Reinhard Ries formuliert. Ich habe ihn zwei Wochen nach einem verheerenden Brand im Mai 2012 in Frankfurt interviewt.

Im Mai 2012 brannten Polystyrolplatten in Frankfurt am Main.

Im Mai 2012 brannten Polystyrolplatten in Frankfurt am Main.

20 Zentimeter dicke Brandriegel aus nicht brennbarer Mineralwolle sollen eigentlich verhindern, dass sich ein Feuer ausbreitet. Doch die wurden in Frankfurt „einfach weggefetzt“, sagt Ries.

Brandriegel aus Mineralwolle nach dem Brand in Frankfurt

Brandriegel aus Mineralwolle nach dem Brand in Frankfurt

Die Dokumentation „Wärmedämmung – der Wahnsinn geht weiter“ befasst sich auch mit der Frage, wie dieses Material als Dämmstoff zugelassen werden konnte.

http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/45_min/hintergrund/waermedaemmung117.html