Kategorie-Archiv: Bau

Wenn Fassaden brennen

Bei der Gebäudedämmung kommt aus Kostengründen meist Polystyrol zum Einsatz. Das gilt baurechtlich noch immer als „schwerentflammbar“. Gleichwohl sind die Platten brennbar.

Brandgefährlich: Polystyrol

Brandgefährlich: Polystyrol

Im Gegensatz etwa zu einem massiven Mauerwerk oder einer Dämmung mit Steinwolle oder Mineralschaumplatten bergen die Styropor-Platten eine Feuergefahr. Hoch giftige Flammschutzmitteln, Brandriegeln aus Steinwolle und eine Putzschicht sollen dafür sorgen, dass sie das Feuer nicht weiter tragen.

Doch genau das passiert immer wieder. In Delmenhorst etwa brannten 2011 fünf Mehrfamilienhäuser aus, nachdem Jugendliche zwei Müllcontainer angezündet hatten.

Delmenhorst 2011

Delmenhorst 2011

Delmenhorst war kein Einzelfall.

Steinhude im Juli 2013

Steinhude im Juli 2013

Bekannt geworden sind über 50 Fälle, in denen mit Styropor gedämmte Fassaden Feuer gefangen haben. Die genaue Zahl kennt niemand, da Brände mit Polystyrol nicht gezielt erfasst werden.

Garbsen 2012

Garbsen 2012

Polystyrol ist ein Erdölprodukt, insofern verwundert es nicht, dass damit verkleidete Fassaden brennen „als hätte man mehrere tausend Liter Benzin gezündet“, wie es der Frankfurter Feuerwehrchef Prof. Reinhard Ries formuliert. Ich habe ihn zwei Wochen nach einem verheerenden Brand im Mai 2012 in Frankfurt interviewt.

Im Mai 2012 brannten Polystyrolplatten in Frankfurt am Main.

Im Mai 2012 brannten Polystyrolplatten in Frankfurt am Main.

20 Zentimeter dicke Brandriegel aus nicht brennbarer Mineralwolle sollen eigentlich verhindern, dass sich ein Feuer ausbreitet. Doch die wurden in Frankfurt „einfach weggefetzt“, sagt Ries.

Brandriegel aus Mineralwolle nach dem Brand in Frankfurt

Brandriegel aus Mineralwolle nach dem Brand in Frankfurt

Die Dokumentation „Wärmedämmung – der Wahnsinn geht weiter“ befasst sich auch mit der Frage, wie dieses Material als Dämmstoff zugelassen werden konnte.

http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/45_min/hintergrund/waermedaemmung117.html

 

Giftdepot am Haus

Mehr als 75 Prozent aller gedämmten Fassaden sind von Algen- und/oder Schimmelbewuchs betroffen, wie Studien zeigen. Anders als massives Mauerwerk können sich die mit Dämmplatten beklebten Fassaden tagsüber nicht mit Sonnenwärme vollsaugen, um diese nachts abzugeben. So kühlen sie nach Sonnenuntergang schlagartig aus und sind länger feucht. Die Oberflächen gedämmter Fassaden bieten daher beste Lebensbedingungen für den unerwünschten Bewuchs.

Die hellen Punkte auf dem Schwarzschimmelbefall sind die Dübel, mit denen die Dämmplatten auf dem Mauerwerk befestigt wurden.

Die hellen Punkte auf dem Schwarzschimmelbefall sind die Dübel, mit denen die Dämmplatten auf dem Mauerwerk befestigt wurden.

Als Gegenmittel mischen die Hersteller von Farben und Putzen Fungizide und Algizide in ihre Produkte. Doch die Gifte können nur wirken, wenn sie wasserlöslich sind. Folglich werden sie mit dem Regen ausgewaschen. Schweizer Forscher haben ermittelt, dass der Großteil der Gifte nach spätestens fünf Jahren in Gewässern landet. Vor allem kleine Bäche seien zeitweise hoch mit Bioziden aus Fassaden belastet, sagt Irene Wittmer von der Eidgenössischen Anstalt für Gewässerschutz.
Irene Wittmer von der EAWAG nimmt eine Wasserprobe

Irene Wittmer von der EAWAG nimmt eine Wasserprobe

Sind die Biozide ausgewaschen werden die Fassaden schliesslich doch grün oder schwarz. Dann ist die Gewährleistungsfrist jedoch meist abgelaufen. Da die Schimmelsporen auch in die Wohnräume gelangen können, ist dies nicht nur ein ästhetisches Problem.

Die Algen fühlen sich auf feuchten Dämmfassade wohl

Die Algen fühlen sich auf feuchten Dämmfassade wohl

Auch für deutsche Gewässer stellen die ausgewaschenen Gifte ein großes Problem dar. Doch Bundesumweltminister Altmaier verweist lieber auf die EU, statt sich des Themas anzunehmen. Er scheint andere Prioritäten zu setzen.

http://www.ndr.de/regional/waermedaemmung197.html

Beitrag aus Panorama 3 vom 9.10.12